Das Problem offen ansprechen

Es erfordert eine ordentliche Portion Mut, mit dem im Raum schwebenden Verdacht einer Essstörung auf Ihr Kind zuzugehen. Doch ganz gleich, wie das erste Gespräch letztendlich verläuft: Sie werden die Erfahrung machen, dass von allen Beteiligten eine große Last abfällt, nachdem das Problem endlich beim Namen genannt wurde.  
Mit den nachfolgenden Ausführungen möchten wir Ihnen einige Denkanstöße geben, die Ihnen sowohl auf emotionaler als auch auf inhaltlicher Ebene bei Ihrem Vorhaben Unterstützung bieten können.

Vor dem Gespräch:

  • Stecken Sie sich für die erste Unterredung kleine Ziele. Sie müssen am Ende des Gesprächs keine Antwort auf die Frage nach den Ursachen aus dem Hut zaubern oder Ihr Kind sofort davon überzeugen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Entlasten Sie sich stattdessen durch den Gedanken, dass es ausreicht, den Gesprächsprozess überhaupt anzustoßen und von Ihren Sorgen zu berichten.
  • Bereiten Sie sich auf das Gespräch vor. Überlegen Sie sich Ihre Hauptbotschaften und die Art und Weise, wie Sie diese am besten rüberbringen können. Vielleicht gehören auch Sie zu den Menschen, die Ihre Gedanken am besten schriftlich strukturieren? Dann schreiben Sie einige Stichworte als roten Faden auf.
  • Denken Sie positiv. Sie werden merken: Wenn Sie sich einen guten Verlauf und Ausgang des Gesprächs vorstellen, werden Sie automatisch ein klein wenig ruhiger. Gute Voraussetzungen für ein tatsächlich erfolgreiches Gespräch…

Während des Gesprächs:

  • Reden Sie nicht drumherum. Sagen Sie stattdessen deutlich, was Ihnen auf dem Herzen liegt. (Beispiel: „Papa und ich machen uns seit einigen Wochen große Sorgen, weil du von Tag zu Tag weniger isst und dich mehr und mehr von uns zurückziehst. Ich würde gerne erfahren, wie du das siehst.“)
  • Formulieren Sie „Ich-Botschaften“. Meinungen und Gefühle, die Sie in der Ich-Form zum Ausdruck bringen (z. B. „Es macht mich traurig, dass du dein Essverhalten scheinbar ganz normal findest.“), werden von Ihrem Kind nicht als verletzende Kritik und Angriff empfunden, wie dies bei Du-Botschaften (z. B. „Du merkst scheinbar überhaupt nicht, dass mit deinem Essverhalten etwas nicht stimmt.“) der Fall ist.
  • Hören Sie zu. Auch wenn Sie vieles auf dem Herzen haben, was aus Ihrer Sicht kaum Widerspruch erlaubt: Geben Sie Ihrem Kind Raum, seine Sichtweise zu erklären. Einerseits ist Ihr Zuhören ein wichtiges Zeichen des Respektes, das Ihr Kind positiv wahrnehmen und seine Gesprächsbereitschaft erhöhen wird. Andererseits kann Ihr offenes Ohr helfen, Ihr Kind besser zu verstehen oder Zusammenhänge zu erfahren, die Sie vorher nicht kannten.
  • Vermeiden Sie Schuldzuweisungen, Bitten & Drohungen. Leichter gesagt als getan, kommen sie einem doch aufgrund der eigenen Hilf- und Ratlosigkeit fast zwangsläufig über die Lippen… Versuchen Sie trotzdem, so weit als möglich darauf zu verzichten, um Ihr Kind nicht unter Druck zu setzen oder in die Defensive zu drängen.   
  • Sprechen Sie das Thema Behandlung an. Dies gilt bereits für das erste Gespräch. Ist die Hilfe eines Experten tatsächlich dringend notwendig – hat Ihr Kind also in diesem Punkt keine Wahl – sollten Sie ihm möglichst bei anderen Entscheidungen (verbindliche) Mitbestimmung einräumen: Wendet es sich nächste oder übernächste Woche an eine Beratungsstelle? Möchte es zunächst alleine mit dem Therapeuten sprechen? Darf es nach vorher festgelegten Kriterien selbst einen Therapeuten auswählen?
  • Schaffen Sie die Voraussetzung für weitere Gespräche. Höchstwahrscheinlich wird das erste Gespräch alle Beteiligten emotional stark aufwühlen. Vielleicht bekommt Ihr Kind währenddessen einen Wutanfall, leugnet alles oder verwickelt Sie in einen hitzigen Streit (was ganz normale Reaktionen wären)… Auch wenn nichts von alledem geschieht, kann es hilfreich sein, nach einem ersten Austausch der Sichtweisen einen Cut zu machen, so dass sich alle beruhigen und das Gesagte verarbeiten sowie bewerten können.


Den Dialog haben Sie auf jeden Fall in Gang gebracht, was ein riesiger Meilenstein ist. Er erlaubt Ihnen, den Gesprächsfaden der letzten Unterredung wieder aufzugreifen, ohne nochmal bei null beginnen zu müssen.

Gut zu wissen!

Im Rahmen von bauchgefühl bieten wir Ihnen eine kostenlose Mail-Beratung durch Experten des Münchner Therapienetz Essstörung e.V. an. Wenn Sie Fragen zu Ihrer Tochter oder Ihrem Sohn haben, kann dieser virtuelle Austausch eine erste Orientierung bieten. Schreiben Sie an undefinedberatung(at)bkk-bauchgefuehl.de.

Letzte Änderung: 22.03.2010 17:43
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